Minimalistisch: Keuco ist eine der ersten Adressen wenn es um barrierefreie Bäder geht.

Keuco: Eine der ersten Adressen wenn es um barrierefreie Bäder geht.

© Keuco

Hotellerie: Schluss mit Ausreden!

Es ist Zeit, Klartext über Barrierefreiheit zu reden, auch wenn es ein bisschen ungemütlich ist.

von Nicola Afchar-Negad
26. Januar 2022

15 bis 20 % der Europäer – klingt das nach einer interessanten Zielgruppe? Die Antwort ist wohl eindeutig. Umso überraschender, wie schwer sich die Branche mit Gästen tut, die eine Behinderung haben. Profi verwendet bewusst nicht den Ausdruck »Gast mit Handicap« und auch nicht »Gast mit besonderen Bedürfnissen«, denn: Türen aufmachen zu können und eigenständig zu duschen sind keine besonderen Bedürfnisse. Die meisten denken vermutlich in erster Linie an gehbehinderte Gäste, aber die Bandbreite ist enorm – und unglaublich individuell. Nicht zu vergessen die »unsichtbaren Behinderungen«, wenn einem etwa – zum Beispiel aufgrund einer Herzerkrankung – die Treppenschlichtweg zu anstrengend sind.

»Es ist eigentlich ganz einfach. Ich möchte auf Urlaub oder Geschäfsreisen gut untergebracht sein, wie jeder andere Mensch auch.«
Luisa L’Audace, Aktivistin & Beraterin

So weit, so kompliziert? Ja und nein. Bei nicht-behinderten Menschen hat die Branche längst erkannt, dass Individualitätzeitgeistig ist. Personalisierung ist ein Verkaufsschlager. Warum also sollte dies anders sein, wenn ein Rollstuhl oder ein Sauerstoffgerät ins Spiel kommen? »Aber man kann nicht allen und allem gerecht werden«, mag manch einer entgegnen. Das mag sein, aber: »Es darf keine Ausrede sein, nichts zu tun!« Diese starke Ansage kommt von Luisa L’Audace, Aktivistin und Beraterin für Inklusion & Antidiskriminierung. »Natürlich bedeutet Barrierefreiheit nicht für jede Behinderung bzw. jeden Menschen das Gleiche, aber man kann zumindest die offensichtlichen Barrieren beseitigen und dann immer weiter versuchen, verschiedene Barrieren zu minimieren, wenn man darauf aufmerksam gemacht wird.« Es geht um barrierearm, nicht unbedingt um barrierefrei.

Nun sind Unternehmer aufgrund des Bundes-Behindertengleichstellungsgesetzes (Österreich) verpflichtet, »dafür Sorge zu tragen, dass alle für den Kundenverkehr bestimmten Bereiche barrierefrei sind«, aber es ist kein Geheimnis, so einfach ist es nun mal nicht. Die Investitionen müssen verhältnismäßig sein, der Denkmalschutz macht es oft schwer – manchmal auch dem Unternehmer leicht. Ein immer häufiger genannter Begriff in diesem Zusammenhang ist Ableismus, auch L’Audace verwendet ihn im Interview mit Profi, wenn sie anmerkt, dass wir alle ableistisch sozialisiert wurden. Der Begriff Ableismus bezeichnet die Beurteilung von Menschen anhand ihrer Fähigkeiten, was als behindertenfeindlich angesehen wird. Menschen mit Behinderungen werden aufgrund des Fehlens bestimmter Fähigkeiten abgewertet. Ein bildliches Beispiel für Ableismus, ein Cartoon gesehen im World Wide Web: Ein Zeichner porträtiert eine Frau im Rollstuhl. Auf der Leinwand zu sehen ist aber nur der Rollstuhl, als der Künstler stolz verkündet: »Fertig!» Ableismus macht oft unsichtbar.

Freiheit im Zimmer

Das Grundsätzliche wäre geklärt, jetzt zu den konkreten Beispielen. »Ich nehme mir immer Garderobenhaken mit Saugnäpfen mit auf Reisen«, kommentiert eine Frau unter einem Instagram-Beitrag zum Thema. Und eine andere kritisiert das oft an Krankenhäuser erinnernde Ambiente. Das Hauptaugenmerk gilt hierbei den Badezimmern, die nach wie vor oft komplett weiß verfliest sind und wenig fürs Auge bieten. Wer sich aber die Produktkataloge von Hewi, Keuco oder Ever Life Design ansieht, darf Hoffnung schöpfen. Stützklappgriffe und Klappsitze (fix montiert oder mobil) sehen in mattschwarzer Pulverbeschichtung (»System 900« von Hewi) besonders edel aus. Auch rutschfeste Fliesen, mit Rollstuhl unterfahrbare Waschbecken und Schiebetüren sind eine gute Investition. Bodentiefe Duschen sind mittlerweile ja fast Standard.

Wer sehen möchte, was alles möglich ist, schaut am besten nach Großbritannien. Mit dem »Blue Badge Access Award« wird universales Design ausgezeichnet – auch »Design für alle« genannt. Der Name liefert die Definition gleich mit. Das Hotel »Brooklyn« in Manchester und das »The Londoner« in der Hauptstadt setzen neue Maßstäbe. Es sind Hotels der gehobenen Kategorie, in denen einige Zimmer barrierearm gestaltet wurden. Und zwar nicht die Zimmer im hintersten Eck des Hotels, sondern die mit der besten Aussicht. Es gibt bei Bedarf Haltegriffe über dem Bett, die aber jederzeit auch in der Decke verschwinden können. Die Höhe der Garderobenstangen ist verstellbar und die Tische funktionieren für jeden. Im Hotel »Brooklyn« nennt man diese Zimmer »Liberty Rooms«, eine schöne Sichtweise.

Es geht um barrierearm, nicht unbedingt um barrierefrei. Die Anforderungen sind dafür zu mannigfaltig und speziell.

Beide Hotels sind Neueröffnungen der letzten Zeit, verschlungen von der Pandemie. Ob selbige das Thema zurückgeworfen habe, weil es für die Hoteliers oftmals ums Überleben ging, will Profi von Aktivistin L’Audace wissen: »Schwierige Frage«, überlegt diese. »Viele behinderte Menschen gehören zur Risikogruppe, deshalb vermute ich, dass viele weniger oder gar nicht gereist sind. Auf mich trifft das zumindest zu. Gleichzeitig sind nicht-behinderte Menschen – teilweise das erste Mal in ihrem Leben – auf Barrieren gestoßen. Nicht ins Restaurant gehen oder verreisen können – da war der Aufschrei groß. Aber dass das die Lebensrealität von vielen behinderten Menschen ist, hat niemand bedacht; und dabei kommt es nicht einmal ansatzweise der strukturellen Diskriminierung nahe, die wir tagtäglich erfahren

Teilhabe und barrierearme Gestaltung

Was sie sich von Hoteliers erwartet? »Ich fordere Teilhabe. Es ist eigentlich ganz einfach. Ich möchte auf Urlaub oder Geschäfsreisen gut untergebracht sein, wie jeder andere Mensch auch. Ich möchte mich darauf verlassen können, dass alles so barrierearm wie möglich ist und ich bei meiner Ankunft auf keine bösen Überraschungen stoße.« Als Beispiel nennt die 1996 in Hessen geborene L’Audace elektrische Türen, die für viele Menschen mit Behinderung unerlässlich sind. Denn ständig um Hilfe fragen zu müssen, genau das ist eben nicht im Sinne der Barrierfreiheit. Oder ein kleines Detail, das ohne allzu großen Kostenaufwand beseitigt werden kann: Duschgel- und Seifenspender, die an der Wand montiert werden. Nicht unbedingt wegen der Höhe, sondern der doch beachtlichen Kraftanstrengung, die es dafür benötigt.

Es sind Hotels der gehobenen Kategorie, in denen einige Zimmer barrierearm gestaltet wurden. Und zwar nicht die im hintersten Eck des Hotels, sondern die mit der besten Aussicht.

Als Positivbeispiel erwähnt L’Audace, deren Instagram-Account (18,5 k Abonnenten) Teil ihrer Empowerment- und Aufklärungsarbeit ist, ein Hotelbuffet, an dem sie sich im Rollstuhl sitzend problemlos bedienen konnte. Ein verblüffendes Detail gegen Schluss: Hotels verstecken auf ihren Webseiten und Social Media Accounts gerne Fakten oder Fotos zum Thema (Ausnahme »Brooklyn«: sogar mit »Access Gallery«) – und was Hotelsuchmaschinen dazu ausspucken ist teils abenteuerlich. L’Audace bestätigt den Eindruck und ergänzt, dass sie immer auch im jeweiligen Hotel anrufen müsse, um sicher zu gehen. Vielleicht kann man als Hotelier bei diesem Thema nicht alles richtig machen, aber doch sehr viel. Expertise von Betroffenen wie L’Audace ist ein erster, ein wichtiger Schritt. Nur was man sich nicht erwarten sollte: einen Blueprint. Wie L’Audace auf Instagram schreibt: »Wir sind Individuen und keine verdammten Waschmaschinen«.

Erschienen in

Falstaff Profi Magazin

Nr. 06/2021

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